Persönlicher Erfahrungsbericht zu Long Covid

21.10.2021

In letzter Zeit haben sich die Medienanfragen bezüglich meiner Long-Covid-Erkrankung gehäuft. Mir ist es wichtig, dass meine Geschichte authentisch erzählt wird. Deshalb veröffentliche ich nun meinen ganz persönlichen Erfahrungsbericht.

Monat April - den Körper neu kennenlernen

Meine Lunge und mein Herz-Kreislauf-System funktionierten nach meiner Covid-Erkrankung sehr rasch wieder einwandfrei. Ich fühlte mich gesund und fit und konnte das Training schnell steigern. Mein Nervensystem wurde jedoch durch die Covid-Erkrankung längerfristig beeinträchtigt. Die Symptome waren unspezifisch und ich nahm sie anfangs oft gar nicht wahr. Es war mir manchmal etwas schwindlig oder ich konnte nachts nicht in den Ruhemodus wechseln, wodurch ich oft mehrere Stunden wach lag. Doch sobald ich tagsüber wieder aktiv war und mit dem Training startete, funktionierte mein Körper einwandfrei und ich fühlte mich fit. Mit diesem Verhalten laugte ich meinen Körper bis zur totalen Erschöpfung aus. Es folgte ein Rückfall. Dieses Prozedere wiederholte sich mehrmals. Die Rückfälle äusserten sich meist mit Grippe-Symtomen wie Fieber, Husten und Müdigkeit. Oft lag ich für ein paar Tage im Bett bis ich wieder langsam zu Kräften kam. Während den Aktiv-Phasen hatte ich sehr viel Energie und fühlte mich fit, wodurch ich nicht wahrnahm, dass sich mein Körper in einem Ungleichgewicht befand.

Mai - Entscheid zur vollständigen Ruhe

Mitte Mai baute ich das Training ganz vorsichtig und stetig aus. Ich war sehr zuversichtlich und hatte ein gutes Gefühl dabei. Doch Ende Mai folgte ein weiterer Rückfall. Ich realisierte, dass sich mein Körper noch immer in einem Ungleichgewicht befindet und ein normaler Trainingsalltag so nicht möglich und vor allem nicht sinnvoll war. Ich entschied mich dazu, das Training komplett zu stoppen und mich der vollständigen Genesung zu widmen.

Die Situation erfassen

In dieser Phase ging es mir vor allem psychisch schlecht. Ich realisierte, dass eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio utopisch war und ich womöglich die ganze Saison verpassen würde. Auch hormonell litt ich unter dem Sportentzug. Die täglich durch das Training bedingten Endorphin-Ausschüttungen fehlten mir. Ich musste akzeptieren, dass eine Vorbereitung auf die Olympischen Spiele aufgrund meiner körperlichen Verfassung nicht möglich war. Während rund zwei Wochen war ich oft traurig, depressiv und manchmal sogar etwas wütend. Ich liess all diese Gefühle zu und konnte sie auf diese Weise auch rasch wieder loslassen.

Gesundheitszustand akzeptieren und das Leben geniessen

Ich habe ein grosses Urvertrauen, dass alles im Leben so passiert, wie es für mich gut ist. Das Leben zeigte mir diesen Sommer auf, dass es Dinge gibt, die ich mit meinem Kopf und Verstand nicht beeinflussen und erzwingen kann. Doch ich habe immer die Wahl, wie ich mit der aktuellen Situation umgehen will und die Möglichkeit, diese zu akzeptieren und glücklich zu sein. Das Annehmen und Akzeptieren hatten für mich etwas sehr Befreiendes. Ich löste mich von jeglichem Leistungsdruck und akzeptierte, dass ich zur vollständigen Genesung eine Pause benötigte. Dadurch fand ich Freude an kleinen Dingen im Alltag und war praktisch jeden Tag zufrieden.

Juni bis Juli – in der Ruhe liegt die Kraft

In den Monaten Juni und Juli litt ich etwas stärker unter dem Schwindel. Ende Juni kam es sogar zu einem Lagerungsschwindel-Vorfall und ich war gezwungen, komplett runterzufahren und mir totale Ruhe zu gönnen. Dadurch hatte ich Zeit, vieles in meinem Leben zu reflektieren, was für mich persönlich sehr wertvoll war. Die Reflexion half mir unter anderem zu erkennen, wer ich bin und wie ich leben möchte.

August bis Oktober – stetige Fortschritte

Anfangs August nahm ich meine Schwindelprobleme mit Physiotherapie in Angriff. Ich lernte viele Zusammenhänge der Symptome zu verstehen und erzielte dank den Übungen rasch Fortschritte. Der Schwindel verschwand ganz und ich hatte wieder mehr Energie. Euphorisch startete ich meine ersten Joggingversuche. Mein vegetatives Nervensystem war jedoch immer noch sehr sensibel. Da die Umstellung vom Aktiv- zum Erholungsmodus noch immer nicht einwandfrei funktionierte, entstanden Schlafprobleme.

Mit Spaziergängen und kurzen Yoga-Sequenzen fand ich Aktivitäten, die mein vegetatives Nervensystem gut bewältigen konnte. Die Spaziergänge wurden stetig etwas länger. So wagte ich mich vor kurzem an die ersten Mini-Laufeinheiten heran. Mit kurzen «Intervallen» – wie zwei Minuten joggen und einer Minute Gehpause – taste ich mich zurück ans Lauftraining. Ich erhoffe mir, dass sich mein Körper dadurch langsam ans Laufen gewöhnt.

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